
Gewöhnung an unangemessene Inhalte?
„Unangemessene Inhalte“ – dieser Begriff beschreibt eine der großen Sorgen von Eltern und Betreuenden mit Blick auf die immer frühere Internetnutzung. Was kriegen die Kinder zu sehen und wozu werden sie aufgefordert? Studien wie KIM oder JIM bestätigen, dass diese Sorgen berechtigt sind. Aber was erfahren Eltern davon? Schon die „EU Kids-online Studie“ von 2019 hat gezeigt, dass sie oft nichts oder nur wenig wissen über die Betroffenheit ihrer Kinder: Dass sie online nach sexuellen Informationen gefragt oder mit sexuellem Inhalt konfrontiert wurden, haben die Kinder nur in jedem fünften Fall den Eltern gesagt.
Wie es bei den Kindern in ihrer Schule aussieht, hat Verena Alhäuser, Schulsozialarbeiterin an einer Schule im Westerwald und Vorstandsmitglied im Kinderschutzbund Landesverband Rheinland-Pfalz, an einer Integrierten Gesamtschule im Westerwald anonym erfragt. Ihr Fazit: Es gibt eine Gewöhnung an Übergriffe im digitalen Raum; wir dürfen die Kinder mit diesen Erfahrungen nicht allein lassen.
Hier ging es vor allem um Nacktbilder und sogenannte „DickPics“, Penisbilder, die unaufgefordert zugeschickt oder eingefordert werden. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, skizziert aber einen Alltagseindruck: Von den (35) Mädchen der 9./10. Klasse sagten nur 6, dass sie „noch nie“ solche Bilder bekommen haben; die ersten tauchten in der 5. und 6. Klasse auf, in der 8. Klasse hatten schon 28 der 35 Mädchen die erste DickPic-Erfahrung hinter sich.
Wie stufen sie solche Erfahrungen ein? „Ist das sexuelle Gewalt?“ wurden beispielsweise 45 Mädchen der 7./8. Klasse gefragt. Ein recht eindeutiges Ja (40) gab es für den Fall „Du wirst mit Nacktbildern u.a. erpresst, die du geschickt hast“. Auch die Aufforderung, solche Bilder zu schicken, stuften die Mädchen noch recht deutlich (32) als sexuelle Gewalt ein. Erheblich weniger eindeutig war die Einschätzung bei „Du bekommst ein Nacktbild/Penisbild geschickt“ oder „Jemand schickt dir Pornos“ (jeweils die Hälfte). Bei den 35 Mädchen der 9./10. Klasse ist dieser Anteil auf gut ein Drittel gesunken. Die Aufforderung, Bilder zu schicken, empfindet nur die Hälfte dieser Gruppe als sexuelle Gewalt. Lediglich im Fall der Erpressung bleibt es bei der sehr deutlichen Einstufung.
Und die Jungen? Sowohl die 7./8. Klasse als auch die 9./10. Klasse stufte die Aufforderung, Nacktbilder/Penisbilder zu schicken, eindeutig so ein wie die Erpressung: sexuelle Gewalt. Pornos gezeigt oder geschickt zu bekommen, bewerten sie allerdings anders als die Mädchen: Für die große Mehrheit der Jungen der 9./10. Klasse ist das keine sexuelle Gewalt.
Diese NICHT empfundene sexuelle Gewalt ist ein Alarmzeichen. Die Ergebnisse sollten uns aufrütteln, zeigen sie doch eine Normalisierung und Gewöhnung der Jugendlichen an sexuelle Übergriffe im digitalen Raum – zu verbreitet sind die Aufforderungen, Bilder zu schicken oder der Erhalt von Penisbildern, als dass diese noch als Übergriff wahrgenommen werden. In den Daten ersichtlich ist aber auch, dass die Jugendlichen (Mädchen wie Jungen gleichermaßen) die unerwünschten Nacktbilder/Pornos mehrheitlich als extrem unangenehm einstufen.
Die Kinder und Jugendlichen dürfen wir mit diesen unangemessenen (und für sie unangenehmen) Inhalten nicht allein lassen. Hierzu ist es notwendig, die Eltern/Erziehungsberechtigten, Lehrer*innen und pädagogische Fachkräfte zu sensibilisieren und zum offenen Gespräch mit ihren Kindern zu ermutigen. Nur so können Kinder und Jugendliche die dringend benötigten Einschätzungen (ist das sexuelle Gewalt oder nicht?) treffen und sich – falls nötig – dagegen stark machen.
KIM (Kindheit, Internet, Medien)- und JIM (Jugend, Information, Medien)-Studie: www.mpfs.de
Joachim Türk, Vizepräsident Kinderschutzbund
